Energy Watch Group – Newsletter 3 – 2024:

Stadtwerke sind in Deutschland ein zentraler Erfolgsfaktor für den Klimaschutz. Sie betreiben oft das lokale Gasnetz, Strom-Verteilnetz bzw. Wärmenetz. All diese Netze müssen umgebaut und erheblich angepasst werden, um CO2-freien Strom, Wärme und Mobilität zu ermöglichen.

Wenn Stadtwerke damit vorangehen, beschleunigen sie die Klimamaßnahmen in der Kommune. Wenn Stadtwerke damit zögern, bremst das auch die Klimamaßnahmen. „Zögern“ ist noch oft der Fall – und liegt auch an handfesten Hürden für Stadtwerke: eine begrenzte Kapitaldecke für die anstehenden Investitionen, schwindende Gewinne aus dem Erdgasgeschäft und fehlende Voraussetzungen für den Aufbau neuer Geschäftsmodelle.

Bei der begrenzten Kapitaldecke gilt: Stadtwerke sollen

  • PV- und Windanlagen in großer Zahl an das Netz anschließen und das Netz zugleich für den wachsenden Strombedarf von Wärmepumpen, Elektroautos und elektrischer Prozesswärme ausbauen.
  • ihre Wärmenetze dekarbonisieren und zugleich auf Basis der kommunalen Wärmeplanungen ausbauen, die bis 2026 bzw. 2028 vorliegen werden.

Die Schätzungen streuen, wieviel Investition das den Stadtwerken abverlangen wird, sind aber erheblich. GEODE, ein europäischer Verband von Verteilnetz-Unternehmen schätzt den Investitionsbedarf der Stadtwerke allein für Ausbau und Umbau der Fernwärme auf ca. 400 Mrd. €. Wegen ihrer heute schon hoher Verschuldung haben viele Stadtwerke nicht den Spielraum, Kredite in entsprechender Höhe aufzunehmen.

Für viele Stadtwerke ist das Erdgasgeschäft noch die wichtigste Gewinnquelle, die wesentlich zur Quersubventionierung kommunaler Leistungen wie städtischen ÖPNV oder Schwimmbäder beiträgt. BMWK und Prof. Dr. Claudia Kemfert, die Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der EWG, sagen dass beim Wechsel von Erdgas auf grünem Wasserstoff die nachgefragten Gasmengen erheblich sinken werden. Damit sinken auch die mit Gas erzielbaren Gewinne. Da noch keine alternative, relevante Gewinnquelle absehbar ist, ist bei Stadtwerken und ihren Kommunen eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten, den Umstieg von dezentralen Gasheizungen auf Wärmenetze oder Wärmepumpen zu forcieren.

Stadtwerken stehen viele neue Geschäftsmodelle zur Verfügung, die das Klima entlasten. Diese können die heutigen Erdgasgewinne auch teilweise ersetzen. Beispiele sind, selbst preiswerten erneuerbaren Strom erzeugen (lassen), gepoolte Stromspeicherung für PV-Dachanlagen oder Wärmepumpen leasen. Um diese Optionen erfolgreich in größerem Stil umzusetzen, fehlt es Stadtwerken oft an einer schlüssigen Strategie, personellen Ressourcen oder Managementkompetenz.

Ein breiter Diskurs hat begonnen, wie diese Hindernisse zu überwinden sind, damit Stadtwerke schneller und stärker zu Klimamaßnahmen in ihrer Kommune beitragen. Bei der Handelsblatt Jahrestagung „Stadtwerke“ am 9. und 10. April werden Lösungen vorgestellt und diskutiert, die in Deutschland derzeit entwickelt und erprobt werden. Auch die Energy Watch Group wird zu diesem Diskurs beitragen.

Kraftwerksstrategie ohne neue Erdgaskraftwerke umsetzen

Die am 12. Februar veröffentlichten Eckpunkte der Kraftwerksstrategie der Bundes­regierung hat die Energy Watch Group bewertet. Diese Eckpunkte befassen sich mit dem Ausbau der flexiblen Kapazität zur Stromerzeugung, um das variierende Ange­bot des sehr günstigen Wind- und PV-Stroms zu kompensieren. Sie beinhalten

  • Ausschreibung des Neubaus von vier Erdgaskraftwerken mit je 2,5 GW Kapazität durch die Bundesregierung, die dann im Zeitraum 2035-2040 auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden sollen.
  • Aufbau eines noch auszugestaltenden “marktorientierten, technologie-neutralen Kapazitätsmechanismus“, um weitere flexible Kapazitäten zu beschaffen.

Ausschreibung und Ausgestaltung sollen bis Ende des Sommers erfolgt sein.

Deutschland braucht flexible, CO2-freie Kapazitäten, um die variierende Wind- und PV-Stromerzeugung zu einem verlässlichen Stromangebot zu ergänzen. Aber erst große, neue Erdgaskraftwerke zu bauen und betreiben – und diese dann auf grünen Wasserstoff umzubauen ist die teuerste Option und heizt das Klima weiter auf:

  • Es gibt kostengünstigere, schnellere und zuverlässigere Optionen, inkl. bestehende Erdgaskraftwerke direkt für grünen Wasserstoff umbauen (35 GW Kapazität), die bestehenden Biogas-Kraftwerke von Grundlast auf flexible Spitzenlast umstellen inkl. Leistungsausbau (12-24 GW Kapazität) und die Nutzung von Stromspeichern ausbauen (deutlich über die bestehenden 1-2 GW hinaus).
  • Verlängert ohne Not den Einsatz fossiler Kraftstoffe in Deutschland und trägt zur weiteren Erderwärmung bei

Große neue Erdgaskraftwerke zu bauen, dient den Erdgaslieferanten, großen Energieversorgern und großen Kraftwerksbauern. Es dient nicht den deutschen Bürger*innen, Unternehmen oder Klimazielen.

Deshalb sollte die Beschaffung flexibler Kapazität in den nächsten Monaten so ausgestaltet werden, dass sie

  • von Anfang an CO2-frei ist
  • Angebote zulässt von Kraftwerken aller Größen (nicht nur 2.5 GW) und Energieträger (nicht nur mit grünem Wasserstoff) sowie von allen Energiespeicher-Arten (z.B. Wasserkraft, Batterien)

Die Ausgestaltung des “Kapazitätsmechanismus” für die Beschaffung von flexibler Kapazität sollte dementsprechend beinhalten:

  • zeitlich differenzierte Strompreise, um Nachfrage in einem sinnvollen Umfang hin zu den “Spitzen” und weg von den “Tälern” der Wind- und PV-Stromerzeugung zu verschieben – und so die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage an erneuerbarem Strom zum Teil zu schließen.
  • flexible Kapazitäten für die verbleibende Lücke in langfristigen Verträgen mit den „Mechanismen“ private Ausschreibung (Netzbetreiber u.a.) oder staatlich gesetzte Fixpreise zu beschaffen. Dabei sollten alle Energieträger (z.B. grüner Wasserstoff, Biogas, Geothermie, Batterien und andere Speicher) und Anbieter (neben Großen auch relativ kleine inkl. Bürgerenergiegemeinschaften) zulässig sein, damit viel Kapazität zu niedrigen Preisen angeboten wird.

In Deutschland haben sich die „Mechanismen“ Strombörse (disruptive Preisschwankungen) und staatliche Ausschreibungen (komplex, Leistungsdeckel) als nicht besonders effektiv bei der Schaffung eines schnell wachsenden und kostengünstigen Angebots an erneuerbarem Strom erwiesen.

Dies ist in der Stellungnahme der Energy Watch Group zu den Eckpunkten der Kraftwerksstrategie weiter ausgeführt und mit Quellen hinterlegt.

Wasserstoff-Szenarien auf dem Boden der Tatsachen

Ein großer Vorteil von grünem Wasserstoff war und ist, dass er genutzt werden kann, um CO2-frei Strom zu erzeugen, wenn Wind- und PV-Strom den Bedarf mal wetterbedingt nicht decken. Als weitere Attraktion erschien, dass damit weiter Verbrennung für Prozesswärme, Gebäudewärme und im Verkehr nutzbar bleibt. Deshalb ist grüner Wasserstoff seit Jahrzehnten fester Bestandteil der zukünftigen Energieszenarien und mit mehreren 100 Mrd. USD subventioniert.

Bisher hat grüner Wasserstoff die Erwartungen aber nicht erfüllt. Der vor kurzem veröffentlichte Global Hydro­gen Review 2023 der International Energy Agency zeigt, dass die Nachfrage nach grünem Wasserstoff weit unter 1% der Gesamtnachfrage nach Wasserstoff verharrt – oder unter 0,004% des globalen Primärenergieeinsatzes.

Windkraft alleine erzeugt über 800 mal soviel an Energie.

Der Hauptgrund dafür ist, dass der Einsatz von grünem Wasserstoff bisher und für die absehbare Zukunft nicht wirtschaftlich ist, wenn elektrische Alternativen oder Biogas verfügbar sind. Der World Energy Council sieht die Lebenszykluskosten von “low-emission” Wasserstoff derzeit bei 3,50 USD pro kg oder 0,35 USD/kWh (eFuels werden dementsprechend noch teurer sein). In anderen Worten: grüner Wasserstoff ist etwa 10-fach so teuer wie Wind- und PV-Strom mit 0,03-0,04 USD/kWh. Hinzu kommt, dass die Technik für Transport, Speicherung und Anwendung von Wasserstoff in Fahrzeugen und anderen Anwendungen meist deutlich teurer als beim Einsatz von Strom oder Biogas ist.

Diese schlechte Wirtschaftlichkeit spiegeln sich in den folgenden Momentaufnahmen:

In anderen Worten, es wird Zeit die Wasserstoff-Szenarien auf Anwendungen und Mengen zu reduzieren, wo grüner Wasserstoff derzeit und absehbar alternativlos ist:

  • Beiträge zur längerfristigen Speicherung von Wind- und PV-Energie
  • in ausgewählten Industrieprozessen

Das reduziert den Bedarf an Pipelines und anderer Infrastruktur für grünen Wasserstoff. Es ermöglicht Regierungen ebenso wie privatem Kapital sich auf wettbewerbsfähige Einsatzbereiche für grünen Wasserstoff zu konzentrieren anstatt in teure „stranded assets“. Das fängt nun auch an, sich in Wasserstoff-Strategien von Regierungen widerzuspiegeln.

Global war 2023 beim Klimawandel ein Jahr von viel Schatten aber auch Licht. Wir nähern uns rasant der 1,5 Grad-Schwelle mit ungebrochen hohen CO2-Emissionen und jetzt schon hohen Belastungen für Mensch und Natur. Zugleich haben Erneuer­bare beim Zubau von Erzeugungskapazität und Investitionsvolumen fossile und Atom­energie weltweit überflügelt.

Die Entwicklung in Deutschland spiegelt das. In einem Kraftakt hat die Ampel­re­gierung viele Weichen für mehr erneuerbare Energien in den Sektoren Strom, Wär­me und Verkehr gestellt. Die 2023 installierte Kapazität von Wind- und PV-Anlagen liegt etwa 50% über der von 2022. Aber im Verkehr ist noch kein relevanter Fort­schritt absehbar, das Gebäudeenergiegesetz wurde sehr aufge­weicht verabschiedet.

In 2023 wurde die Energy Watch Group in eine gemeinnützige Gesellschaft umge­wan­delt – der Energy Watch UG. Das stärkt die EWG, die nun finanziell und vertrag­lich eigenständig handeln kann. Präsident der EWG ist und bleibt Hans-Josef Fell.

Download EWG Jahresbericht 2023

Download EWG Jahresbericht 2021

Download EWG Jahresbericht 2020

Dieser erste Newsletter in 2024 blickt auf den globalen und deut­schen Stand und Pfad zu „null CO2-Emissionen“ sowie zur dann notwendigen Abkühlung der Planeten. Darauf aufbauend sind Schwerpunkte für unsere Arbeit in 2024 zusammengefasst.

Zum Jahreswechsel hat die Energy Watch Group (EWG) zudem Handlungsspielraum und Selb­ständigkeit durch Umwandlung in eine eigene, gemeinnützige Gesellschaft gestärkt.

Die EWG ist ein Think Tank und Netzwerk, das zur Senkung der CO2-Emis­sionen sowie Abkühlung der Erdatmosphäre auf globaler, nationaler und kommunaler Ebene beiträgt. Dazu entwickeln wir

  • geeignete Ziele, wirksame Lösungen und pragmatische Politikempfehlungen
  • tragen diese in den Dialog mit Entscheidungsträgern und Medien

Ausblick global

Die Welt steuert ungebremst auf den Schwellenwert von 1,50° C zu: 2023 war das wärms­te Jahr seit Aufzeichnung: es war 1,48 C° wärmer als der vorindustrielle Durch­schnitt. Selbst im Mittelwert der letzten 5 Jahre liegt die Temperatur um 1,25 ° C über dem vor­in­dustriellen Durchschnitt. Die CO2-Emissionen liegen weiter auf historischen Höchstwerten und feuern die Erwärmung weiter an. Mehr als ein halbherziges Bekenn­tnis zum „Übergang“ weg von fossilen Brennstoffen wurde auf der COP 28 nicht erzielt.

Die gute Nachricht ist, dass erneuerbare Energie mittlerweile nicht nur als klima­freund­­lich, sondern auch als die kostengünstigste Energie anerkannt ist (im Verkehr gilt das verbunden mit elektrischen Kfz und bei Gebäu­dewärme verbunden mit Wär­mepumpen). Das hat Nachfrage und Ange­bot erneu­­erbarer Energien stark ausgeweitet, die exponentiell wach­­sen und dabei regelmäßig die Wachstumsprognosen übertroffen haben.

2023 lag der Zubau an Wind- und PV-Kapazität weltweit jeweils etwa 50% höher als der Zubau in 2022: Wenn diese exponentielle Wachstumsrate beibehalten wird, kann eine Begrenzung der Erderwärmung auf 2,0° C erreichbar sein. Und anders als erwartet, scheinen die Produktionskapazitäten für erneuerbare Energietechnologien in abseh­ba­rer Zukunft kein begrenzender Faktor zu sein.

Die dringendste Aufgabe ist jetzt, dieses exponentielle Wachstum beizubehalten, bis „null“ CO2-Emissionen erreicht sind. Die robusten, realisierbaren und volkswirt­schaftlich rentablen Wege dorthin sind bereits vorhanden. Prof. Dr. Mark Z. Jacobson, Mitglied des wissenschaftlichen EWG-Netzwerks und einer der Impulsgeber für den Inflation Reduc­tion Act, zeigt dies eindrucksvoll in seinem neuen Buch „No Miracles Needed„.

Die zentralen Erfolgsfaktoren und notwendigen Arbeitsschwerpunkte, um dieses expo­nen­tielle Wachstum fortzusetzen, sind:

  • die Machbarkeit und Rentabilität von „Null CO2-Emissionen“ zum Allgemeinwissen zu machen, das Politik und Medien laufend verbreiten und bekräftigen,
  • die volkswirtschaftlichen Vorteile von „Null CO2-Emissionen“ noch stärker in einzel­wirt­schaftliche Vorteile für Bürger*innen und Unternehmen übersetzen, um Markt­kräf­te und Eigeninitiative noch stärker für „null CO2-Emissionen“ zu mobilisieren,
  • soziale Spannungen aufgrund der Transformation vermeiden, indem daraus entste­hende, relevante Kostenbelastungen für untere Einkommensschichten innerhalb jedes Landes ausgeglichen werden – ebenso wie der Verlust von Arbeitsplätzen in einem Sektor durch Schaffung von Arbeitsplätzen in anderen Sektoren,
  • eine starke inländische industrielle Basis in den für „null CO2-Emissionen“ maß­geb­lichen Technologien erhalten oder aufbauen und gleichzeitig die beträcht­li­chen chinesischen Produktionskapazitäten in diesem Bereich nutzen,
  • die vielfältigen Regelungen streichen oder anpassen, die das natio­na­le Energiesys­tem an fossile Brennstoffe und Versorger mit großen zentralen Kraftwerken binden,
  • nicht zuletzt Beenden der Subvention fossiler Brennstoffe (1-7 Milliarden USD) sowie der Investition in den Ausbau fossiler Energien (1 Milliarde USD pro Jahr).

Das Erreichen von „Null CO2-Emissionen “ verhindert eine weitere Erwärmung der Erde, kühlt sie aber über Jahrhunderte nicht ab. Da die globale Erwärmung 1,5° C und mehr sein wird, werden erhebliche und langfristige Schäden für Natur, menschliche Gesund­heit, wirtschaftliches Wohlergehen und nationale Sicherheit die Folge sein. Die andere dringende Aufgabe ist also, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen und die Erde wieder abzukühlen. Die derzeit diskutierten CCS-Technologien sind teuer und in der notwen­di­gen Skalierung (Abscheidung hunderter von Giga-Tonnen CO2) noch unerprobt. Wir brau­chen robustere und erschwinglichere Lösungen, um den CO2-Gehalt der Erdat­mos­phäre zu senken. Prof. Dr. Christian Breyer, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der EWG, betreibt wegweisende Forschung zu diesen Fragen.
Wenn diese Lösungen feststehen, wird die Umsetzung eine stabile Finanzierung im Rahmen internationaler Abkommen erfor­dern.

Deutschland

In Deutschland liegt der 2023 erzielte Zubau von Wind- und PV-Kapazität sogar 75% (!) über dem Zuwachs in 2022. Das ist wesentlich auf die Anstrengungen der Ampel-Koali­tion zurückzuführen – trotz aller Kritik, der sie ausgesetzt ist.

Jetzt gilt es, beim Zubau eine Wachstumsrate von über 50% zu halten und so einen expo­nen­­­tiel­len Hochlauf auf „Null CO2-Emissionen“ deutlich vor Mitte der 2030er Jahre zu erzie­len. Die zentralen Heraus­for­derungen sind dabei deren auf der globalen Ebene verwandet und erheblich, z.B.

  • spiegeln die politisch-medialen Narrative kaum wider, wie praktikabel und rentabel das Erreichen von „Null CO2-Emissio­nen“ ist. Einmal etablierte Aussagen wer­den zu Las­ten des eigenen Handlungsspielraums wenig hinterfragt (z.B. dass eFuels vor allem aus dem Ausland importiert werden müs­sen). Zu oft werden Maßnahmen emo­tional aber ohne gute Fakten­basis behandelt. Beim Gebäude­energiegesetz hat das zur deut­li­chen Schwächung seiner CO2-Wir­kung beigetragen – und zudem zur Erosion des gesellschaft­li­chen Kon­sens für Klimaschutz.
  • betragen die fossilen Subventionen in Deutschland mind. 30 Mrd. € pro Jahr an Öl, Gas und Kohle. Die Einnahmen der Bundesregierung aus dem Emissionshandel (ETS und BEHG ) waren 2023 gute 15 Mrd. €. Damit setzt die Bundesregierung Anreize zum Verbrauch fossiler Ener­gie­­trä­ger, die etwa doppelt so stark sind, wie der Anreiz zur Einsparung durch den Emissionshandel
  • hat weder die Bundesregierung noch eine der im Bundestag vertretenen Parteien einen seriös technisch-wirtschaftlich durchgerechneten Plan zur Erreichung von „Null CO2-Emissionen“ vorgelegt. Sinnvoll wäre ein Plan, der starke einzelwirtschaftliche Anreize setzt, sozial gerecht und fiskal verantwortlich ist, einfach zu verstehen sowie Wirtschaftsstandort und Konjunktur stärkt.

Wesentliche Bausteine, die in 2024 auf der Agenda von Bundesregierung und Bundestag stehen, sind:

  • Kraftwerksstrategie – hier wird es darauf ankommen, nicht teure und zentrale Über­kapazitäten an Gaskraftwerken neu zu errichten, sondern Flexibilisierung von Strom­angebot und -nachfrage in einem offenen Mix von Tech­nologien (neben Gas z.B. auch andere Energieträger, Speicher und Lastab­schaltung) sowie einem Mix von zen­tralen und dezen­tralen Quellen zu erzielen. Dies sollte auch das Strommarktde­sign mit ein­schließen, um diese flexiblen Kapazitäten sinnvoll anzureizen und zu refinan­zieren.
  • Solarpaket – weitere Vereinfachung von Planung und Genehmigung von PV- und Wind-Anlagen
  • Resilienz – Mechanismen erarbeiten und verabschieden, mit denen beim Aus­bau von Wind, PV, Speichern, Elektromobilität u.a.m. genug Wertschöpfung in der EU und Deutschland entsteht, um von China u.a. Staaten viel wenig abhängiger zu sein.

Nicht so deutlich auf der politischen Agenda aber ebenso relevant ist es, aus Gründen der Geschwin­digkeit und Wirtschaftlichkeit nicht mehr in „Brückentechnologien“ zu inves­tieren, sondern direkt in Ausbau und Nutzung von erneuerbaren Energien. Prof. Dr. Claudia Kemfert, Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der EWG, hat z.B. aufge­zeigt, dass der Bau fester LNG-Terminals in Deutschland über viele Jahre einen unwirt­schaftlichen, unnötig hohen und zudem besonders klimaschädlichen (Fracking) Gasver­brauch über 1-2 Jahrzehnte zementieren würde.

Zudem sind Hemmnisse auf der kommunalen Ebene zu überwinden: Bund und Länder schaffen mit Gesetzen und Fördermitteln Rahmenbedingungen, die Umset­zung von „Null CO2-Emissionen“ erfolgt aber zum guten Teil in den Kommunen. Dort wird die Um­set­zung z.B. gebremst durch knappe Kapazität der Verwaltung für Planung und Geneh­­­migung sowie durch dro­hende Verluste für Stadtwerke und kommunale Haus­halte. Um auch in den Kommunen expo­nen­tielles Wachstum des CO2-freien Stroms, Wohnens und Verkehrs zu erzielen, sind dazu zügig Lösungen zu erarbeiten und zu verbreiten.

Energy Watch Group

Aus diesem globalen und nationalen Stand und Ausblick zu Klimafragen ergeben sich Schwerpunkte, die auch für die Arbeit der Energy Watch Group in 2024 relevant sind:
Null CO2-Emissionen

  • Roadmaps zu „Null-Emissionen“ für Staaten, Bundesländer und Kommunen erarbei­ten, die wirtschaftlich und sozial gerecht, für die öffentlichen Haushalte tragfähig sowie einfach zu verstehen und umzusetzen sind.
  • Wirtschaftlichkeit und Praktikabilität des exponentiellen Ausbaus von erneuerba­ren Energien und Pfads zu „Null CO2-Emissionen“ gut verständlich belegen und auf allen Ebe­nen in den politisch-medialen Diskurs einbringen. Dies gilt auch für entschei­den­de Fakten und Zusammenhänge, die im Diskurs falsch dargestellt oder unbeachtet sind.
  • Erleichterung der Umsetzung von „Null-Emissionen“ in Kommunen
  • Lösungen zu weiteren Hemmnissen auf dem Pfad zu Null-Emissionen erarbeiten und verfügbar machen, z.B. zur ausreichend resilienten Lieferketten
  • Beiträge zu anderen zentralen Fragen im aktuellen klimapolitischen Diskurs, wie z.B. zur deutschen Kraftwerk­strategie.

Erde wieder abkühlen

  • Erarbeitung von technisch-wirtschaftlich tragfähigen und skalierbaren Lösungen, um die Erde wieder abzukühlen, also die planetarische Grenze von 350 ppm Treibhaus­gaskonzentration wieder zu unterschreiten.
  • Sinnvolle Zielsetzungen für Null-Emissionen und Kohlenstoffsenken ableiten.

Organisatorisches
Als Think Tank und Netzwerk arbeiten wir weiter als „Energy Watch Group“. Im letzten Jahr fand erfolgreich eine organisatorische Umstrukturierung statt. Die für selb­ständige Gestaltung unserer Einnahmen und Ausgaben gegründete gemeinnützige Gesell­­schaft mussten wir aus Gründen des Namensrechts leicht abweichend „EWG Energy Watch gUG (haftungsbeschränkt)“ nennen. Dieser Name erscheint aber nur im Rechtsverkehr (Verträge, Spenden, Impressum der Webseite). Präsident der Energy Watch Group ist weiterhin Hans-Josef Fell. Geschäftsführer der EWG Energy Watch gUG ist Dr. Hartmut Fischer. Mitgesellschafter ist Felix Rodenjohann.

Ihr Beitrag
Ihre Impulse zur Auswahl und Ausgestaltung dieser Schwerpunkte sind willkommen. Richten Sie diese vorzugsweise an office@energywatchgroup.org.
Ihre Spenden helfen uns, diese Arbeit in hoher Qualität und Wirkung fortzusetzen!

Der steinige Weg zur Ehrlichkeit in der Klimapolitik

Kernaussagen

Vielfach wird in der Wissenschaft anerkannt, dass das Überschreiten des Temperaturanstiegs um 2°C in eine Heißzeit zu führen droht, in welcher eine menschliche Zivilisation, wie wir sie heute kennen, nicht mehr existieren kann.

Wie nahe die Menschheit schon an diesem Punkt der Irreversibilität ist, wird in der politischen Welt, den Medien und teilweise sogar in der Wissenschaft nicht wahrgenommen. Politische Ziele, wie auch wissenschaftliche Szenarien, die nach 2030, also nach Überschreiten von 1,5°C noch die Nutzung fossiler Rohstoffe mit den zwangsläufig damit verbundenen Treibhausgasemissionen beinhalten, führen unausweichlich in eine Heißzeit.

Deswegen müssen Wissenschaftler*innen, die Szenarien auf Basis einer Klimaneutralität bis 2050 entwerfen, klar artikulieren, dass ein solcher Pfad kein Beitrag sein kann, um die irdische Heißzeit abzuwenden. Entsprechende Hinweise finden sich aber meist nicht in solchen Szenarien. Damit tragen auch einzelne Klimawissenschaftler*innen dazu bei, dass die Menschheit nicht die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise ergreift.

Das zentrale Pariser Ziel von 1,5°C wird aber spätestens 2030 überschritten werden und selbst die Einhaltung von 2,0°C wird nur durch sofortiges und umfassendes Umsteuern erreichbar bleiben. Wer wie die Europäische Kommission behauptet, mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 würde das Pariser Abkommen eingehalten werden können, täuscht schlicht die Öffentlichkeit.

Dabei ist es, wenn auch mit größten Anstrengungen, technisch und ökonomisch möglich eine weltweite Nullemissionswirtschaft in Verbindung mit großen Kohlenstoffsenken bis 2030 umzusetzen. Dafür ist politischer Willen notwendig, der eine klare Agenda vorgibt, die – getragen von klimapolitisch sensiblen Medien – unterstützt wird durch nachhaltige Wirtschaftsstrukturen und die Anstrengungen jedes und jeder Einzelnen.

Wer einen solch schnellen Wandel für unrealistisch hält, sollte wenigstens ehrlich zugeben, dass er oder sie keinen alternativen Weg zur Bekämpfung der Klimakrise und zur Sicherung der menschlichen Lebensgrundlagen vorschlagen kann.

Lesen Sie das vollständige Policy Paper hier: Download

Für mehr Investitionen in Sektorenkopplung und Innovationen: Energy Watch Group schlägt neues Gesetz für versorgungssichere Erneuerbare-Energien-Systeme vor

Berlin (07. April 2020) – Zeitlich passend zum 20-jährigen Bestehen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) präsentiert der Berliner Think-and-Do Tank Energy Watch Group (EWG) einen Gesetzesvorschlag zur Anreizung der Systemintegration Erneuerbarer Energien, wie der Spiegel exklusiv berichtete. Mit einer sogenannten Kombikraftwerksvergütung sollen systemdienliche Investitionen angeregt werden, um den Erneuerbaren Energien zu ermöglichen, die Verantwortung für die Systemsicherheit der Stromversorgung zu liefern – also zu jeder Stunde des Jahres den benötigten Energiebedarf zu decken, auch in Zeiten der Dunkelflaute. Ausreichen würde laut Berechnungen der EWG ein fester Vergütungssatz von 8 Cent/kWh mit Hilfe einer marktwirtschaftlichen gleitenden Marktprämie.

Der Anteil der Erneuerbaren am Strommix betrug in den ersten drei Monaten dieses Jahres über 50%, wie neue Rekordzahlen zuletzt zeigten. Trotzdem wird den Erneuerbaren Energien vielfach noch nicht die Fähigkeit zur ganzjährigen Vollversorgung zu jeder Jahresstunde zugetraut, obwohl dies aus Klimaschutzgründen notwendig und die technologische Reife, zusammen mit Speichertechnologien und digitaler Steuerungstechnologie, längst günstig vorhanden ist. Es fehlt bisher nur an einer gesetzlichen Grundlage, die deren Marktdurchsetzung ermöglicht.

„Das neu vorgeschlagene Sektorenkopplungs- und Innovationsgesetz für Erneuerbare Energien soll ein großer Anstoß werden, um die aktuellen Herausforderungen zur Überwindung der Corona-Wirtschaftskrise und der Klimakrise zu bewältigen. Dazu braucht es unbedingt Lösungsansätze, die sowohl die Wirtschaft stimulieren als auch das Klima schützen.“, so Hans-Josef Fell, der als EWG-Präsident und Autor des Gesetzesentwurfs EEG 2000 die neue Gesetzesinitiative federführend ausarbeitete.

Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) betont: „Erneuerbare Energien können und müssen endlich Verantwortung für die Systemsicherheit übernehmen. Die Energy Watch Group hat dafür einen diskussionswürdigen Gesetzesvorschlag auf den Tisch gelegt. Ziel muss es sein, den innovativsten und effizientesten Weg für eine Energieversorgung durch Erneuerbare Energien zu finden. Der Gesetzesvorschlag der Energy Watch Group ist für diese Debatte ein Beitrag, mit dem wir uns auch befassen werden.“

Die EEG-Umlage würde wegen des niedrigen Vergütungssatzes kaum belastet, dafür würde das Gesetz aber den sehr vielen Start-ups und etablierten Unternehmen einen Markt schaffen, die mit innovativen Systementwicklungen für Speicher, digitale Steuerungen, Ökostromerzeugung und Sektorenkopplung in den Startlöchern stehen, jedoch kein echtes Marktumfeld haben, um großflächig privat finanzierte Investitionen zu generieren.

„Die Vorteile der günstigen Energieerzeugungspreise können nun mit denen für Klimaschutz und Versorgungssicherheit zusammen ausgeschöpft werden, insbesondere wenn die Integration von der regionalen Ebene kommt und nicht nur von der Übertragungsnetzebene. Wenn die erforderlichen Technologien wie Batterien, Wasserstoff, Wärmepumpen und Wärmespeicher in Verbindung mit Solar- und Windenergie bedarfsgerecht und dezentral hochgefahren werden, können sich zusätzlich Innovationen und Wachstumsmärkte entwickeln.“ erklärt Dr. Thure Traber, wissenschaftlicher Leiter der EWG und Co-Autor des Gesetzesvorschlags.

Das neue Gesetz solle eigenständig eingesetzt werden und nicht den hohen Novellierungsbedarf im bestehenden EEG ersetzen. Es solle lediglich den notwendigen Marktanschub schaffen, damit Erneuerbare Energien in zunehmendem Maße Systemverantwortung übernehmen. Eine EU-rechtliche Prüfung des Gesetzesentwurfs zeige, dass die EU-Vorgaben eine Garantievergütung ermöglichen. Unterschieden wird dabei zwischen einer festen Einspeisevergütung pro eingespeister kWh für Kleinanlagen und einer gleitenden Marktprämie für größere Anlagen, die über Direktvermarktung am Stromwettbewerb teilnehmen.

Sofern das vorgeschlagene Gesetz zügig eine politische Mehrheit im Bundestag findet, können Kohleausstieg, sowie Ausstieg aus der klimaschädlichen Erdgasnutzung schnell vollzogen werden. Echter Klimaschutz wäre rasch realisierbar und nach Ende der Corona-Pandemie

auch eine schnelle Erholung der Wirtschaft zusammen mit dem notwendigen Umbau zu einer ökologisch sauberen Energieversorgung möglich.

Hier geht es zur Studie

Pressekontakt: Charlotte Hornung / +49 30 609898815 / hornung(a)energywatchgroup.org

 

 Über die Energy Watch Group  

Die Energy Watch Group (EWG) ist ein unabhängiges, gemeinnütziges, überparteiliches globales Netzwerk von Wissenschaftler*innen und Parlamentarier*innen. Die EWG erstellt Forschungen und veröffentlicht unabhängige Studien und Analysen über die globale Energieentwicklung. Ziel der EWG ist es, der Energiepolitik objektive Informationen zu verschaffen.

Umstellung von Kohle und Erdöl auf Erdgas erhöht Treibhauseffekt des Energieverbrauchs um rund 40%

Berlin (17. September 2019) -Die Bundesregierung plant am Freitag ihre Klimaschutzstrategie zu verabschieden.Vor diesem Hintergrund legte die Energy Watch Group am Montag die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Zukunftstauglichkeit von Erdgas vor, das von der Bundesregierung häufig als Beitrag zum Klimaschutz bezeichnet wird. Das zentrale Ergebnis entlarvt dieses vielfach verbreitete Bild von Erdgas als klimaschonende Brückentechnologie: Durch alarmierende Methanemissionen erhöht die Umstellung von Kohleverstromung und Ölheizung auf Erdgas den Treibhauseffekt der Energieversorgung um rund 40%. Somit leistet Erdgas entgegen der von weiten Teilen der Öffentlichkeit vermittelten Darstellung keinen Beitrag zum Klimaschutz, sondern verursacht stattdessen eine zusätzliche Beschleunigung des Klimawandels.

Die Studie des unabhängigen Berliner Think-and-Do-Tanks berechnet erstmalig die Klimawirkung einer fossil-fossilen Substitution durch Erdgas auf Basis der neuesten Forschung zu den Methan- und Kohlendioxidemissionen der gesamten Lieferkette. Zudem wurde die Klimawirkung hinsichtlich des für potenzielle Klima-Kipppunkte relevanten 20-Jahres Horizonts ausgewertet. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eventuelle CO2-Einsparungen durch die hohen Methanemissionen von Erdgas bei weitem überkompensiert werden, sodass eine Umstellung von Kohle und Erdöl im Strom-, Wärme-, und Verkehrssektor auf Erdgas die höchst negative Klimawirkung von Kohle und Erdöl sogar noch deutlich übertrifft.

„Die Studie bestätigt, dass die Förderung des höchst klimaschädlichen Erdgases den Klimawandel weiter verschärft“, erklärte Hans-Josef Fell, ehemaliger Abgeordneter des Deutschen Bundestages und Präsident der Energy Watch Group. Fell, der als Autor an der Studie beteiligt war, fordert ein Umdenken in der aktuellen politischen Debatte um die Zukunft des Energiesektors. „Der Plan der CDU, allen voran der Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer, eine Abwrackprämie für Ölheizungen, aber nicht auch für Erdgasheizungen einzuführen, dient weder dem Klimaschutz noch den Verbraucher*Innen. Abwrackprämien muss es für Erdöl-, Erdgas- und Kohleheizungen geben.“

„Wir haben jüngst aufgedeckt, dass sich die jährlichen Subventionen für klimaschädliches Erdgas in Deutschland in 2017 auf enorme 1,4 Mrd. Euro beliefen.“, kommentierte Uwe Nestle, Geschäftsführer des Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). Bestehende und neue Subventionen in fossile Energien seien aber kontraproduktiv zur Erfüllung der Pariser Klimaziele. „Investitionen in die erneuerbaren Energien hätten dagegen umgehend und dauerhaft einen sehr positiven Effekt auf das Klima.“, so Nestle.Was hieraus folgt ist für Dr. Thure Traber, Mitautor und leitender Wissenschaftler der EWG, eindeutig: „Wenn die Klimaziele auf deutscher und internationaler Ebene wirklich erreicht werden sollen, dann ist es für Investitionen in Erdgas schlichtweg unmöglich sich zu amortisieren. Was bleiben wird sind Stranded Investments in Milliardenhöhe.“

Was genau die Politik tun muss, um ein zukunftsfähiges Energiesystem aufzubauen, ist für die Studienautoren eindeutig: Eine sofortige Abschaffung aller Subventionen für fossile Energieträger und eine flächendeckende Einführung emissionsfreier, erneuerbarer Technologien, dabei kann durchaus auch die bereits vorhandene Erdgas-Infrastruktur für klimafreundliches Biogas und grüne Gase wie Wasserstoff aus Ökostrom verwendet werden. Da ein weltweiter Umstieg des Energiesystems auf 100% erneuerbare Energien 55% der globalen Treibhausgasemissionen einsparen würde muss diese Maßnahme im Zentrum aller Klimaschutzbemühungen stehen. Die vorliegende Studie zeigt eindrucksvoll, dass für eine verantwortlich betriebene Politik fossile Energien keine Rolle spielen dürfen, auch nicht das fälschlicherweise als klimafreundliche Brückentechnologie bezeichnete Erdgas.

Die Studie ist hier online frei verfügbar.

Pressekontakt: Charlotte Hornung / +49 30 609898815 / hornung(a)energywatchgroup.org

 

Über die Energy Watch Group

Die Energy Watch Group (EWG) ist ein unabhängiges, gemeinnütziges, überparteiliches globales Netzwerk von Wissenschaftler*innen und Parlamentarier*innen. Die EWG erstellt Forschungen und veröffentlicht unabhängige Studien und Analysen über die globale Energieentwicklung. Ziel der EWG ist es, der Energiepolitik objektive Informationen zu verschaffen.

Neue wissenschaftliche Studie modelliert vollständige Energiewende in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr

Katowice, Polen (11. Dezember 2018) – Im Rahmen der Klimadiskussionen der COP24, der jährlichen Konferenz der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC), wurde am Dienstag ein neuer Bericht veröffentlicht, der die Machbarkeit einer europäischen Energiewende basierend auf 100% Erneuerbaren Quellen aufzeigt.

Die neue wissenschaftliche Studie zeigt, dass die Wende hin zu 100% Erneuerbaren Energien mit dem heutigen, konventionellen fossil-nuklearen System wirtschaftlich konkurrenzfähig wäre und die Treibhausgasemissionen noch vor 2050 auf Null reduzieren würde. Noch deutlicher wird der finanzielle Vorteil einer Energiewende unter Berücksichtigung des prognostizierten Beschäftigungswachstums, sowie indirekter wirtschaftlicher Vorteile, welche beispielsweise für Gesundheit, Sicherheit und die Umwelt geschaffen werden, jedoch in der Studie nicht einbezogen wurden.

Die von der LUT University und der Energy Watch Group durchgeführte wissenschaftliche Modellierungsstudie ist die erste ihrer Art, die eine vollständige Energiewende in Europa in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Entsalzung bis 2050 simuliert. Die Veröffentlichung der Studie erfolgte nach etwa viereinhalb Jahren Forschung und Analyse von Datenerfassungen und technischen und finanziellen Modellierungen durch 14 Wissenschaftler.

„Der Bericht bestätigt, dass eine Wende hin zu 100% Erneuerbaren Energien in allen Sektoren möglich und nicht teurer ist als das heutige Energiesystem“, sagte Hans-Josef Fell, ehemaliger Abgeordneter des Deutschen Bundestages und Präsident der Energy Watch Group, während der COP24-Pressekonferenz. „Es wird gezeigt, dass Europa auf ein emissionsfreies Energiesystem umstellen kann. Deshalb können und sollten die europäischen Politiker viel mehr für den Klimaschutz tun als derzeit anvisiert.“

Einige Schlüsselerkenntnisse der Studie:

• Die Umstellung auf 100% Erneuerbare Energien erfordert eine Massenelektrifizierung in allen Energiesektoren. Die gesamte Stromerzeugung wird das Vier- bis Fünffache der Stromerzeugung von 2015 ausmachen. Dadurch wird der Stromverbrauch im Jahr 2050 mehr als 85% des Primärenergiebedarfs betragen. Gleichzeitig wird der Verbrauch fossiler Energierohstoffe und Kernkraft in allen Sektoren vollständig eingestellt.

• Die Stromerzeugung im 100% Erneuerbare-Energien-System wird aus folgendem Mix an Energiequellen bestehen: Solarenergie (62%), Windkraft (32%), Wasserkraft (4%), Bioenergie (2%) und Geothermie (<1%).

• Wind- und Solarenergie machen bis 2050 94% der gesamten Stromversorgung aus. Etwa 85% der Erneuerbaren Energien werden aus dezentraler lokaler und regionaler Erzeugung stammen.

• 100% Erneuerbare Energien sind nicht teurer: Die Energiekosten für ein vollständig nachhaltiges Energiesystem in Europa bleiben stabil und liegen 2050 bei 50-60 €/MWh.

• Die jährlichen Treibhausgasemissionen in Europa sinken durch die Umstellung in allen Sektoren kontinuierlich von rund 4.200 Mio. t CO2-Äq. im Jahr 2015 auf Null bis 2050.

• Ein zu 100% erneuerbares Stromsystem wird 3 bis 3,5 Millionen Menschen beschäftigen. Die rund 800.000 Arbeitsplätze im europäischen Steinkohlebergbau aus dem Jahr 2015 werden bis 2050 komplett eingestellt. Diese werden durch mehr als 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbare-Energien-Branche überkompensiert.

„Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die aktuellen Ziele des Pariser Klimaabkommens beschleunigt werden können und sollten“, sagte Dr. Christian Breyer, Professor für Solarwirtschaft an der finnischen Universität LUT. „Eine Wende hin zu 100% sauberen, Erneuerbaren Energien ist sehr realistisch – schon jetzt, mit den heute verfügbaren Technologien.“

Die Studie schließt mit politischen Empfehlungen zur raschen Einführung Erneuerbarer Energien und emissionsfreier Technologien. Zu den wichtigsten in dem Bericht festgelegten Maßnahmen zählen die Förderung von Sektorenkopplung, privaten Investitionen, Steuervergünstigungen und rechtlichen Privilegien bei gleichzeitiger Einstellung von Subventionen für Kohle und fossile Brennstoffe. Mit der Umsetzung starker politischer Rahmenbedingungen, so der Bericht, ist eine Wende hin zu 100% Erneuerbaren Energien bereits vor 2050 möglich.

Die Schlüsselerkenntnisse (auf Englisch) finden Sie hier.

Die komplette Studie (auf Englisch) finden Sie hier.

Eine zusammenfassende Präsentation zu den Ergebnissen der Studie (auf Englisch) finden Sie hier.

Eine ausführliche Präsentation zu den Ergebnissen der Studie (auf Englisch) finden Sie hier.

Ergänzende Daten zur Studie finden Sie hier.

Die Pressemitteilung zur Studie ist außerdem verfügbar auf Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch.

Pressekontakt: Doreen Rietentiet / +49 30 609898815 / rietentiet(at)energywatchroup.org

 

Über die Studie

Die Simulation der Energiewende in Europa ist Teil der von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und der Stiftung Mercator mitfinanzierten Studie „Globales Energiesystem mit 100% Erneuerbaren Energien“, welche Anfang 2019 abgeschlossen sein wird. Modernste Modellierungen, entwickelt von der LUT University, berechnen einen kostenoptimalen Mix von Technologien auf Grundlage lokal verfügbarer erneuerbarer Energiequellen. Dabei wird ein kosteneffizienter Übergang hin zu einer erneuerbaren Energieversorgung für die ganze Welt, aufgeteilt in 145 Regionen, mit stündlicher Auflösung für ein gesamtes Referenzjahr ermittelt. Das Szenario der globalen Energiewende wird in fünfjährigen Zeiträumen von 2015 bis 2050 durchgeführt. Die Ergebnisse werden in neun große Weltregionen zusammengefasst: Europa, Eurasien, MENA, Südsahara-Afrika, SAARC, Nordostasien, Südostasien, Nordamerika und Südamerika.

Über die Energy Watch Group

Die Energy Watch Group (EWG) ist ein unabhängiges, gemeinnütziges, überparteiliches globales Netzwerk von Wissenschaftler*innen und Parlamentarier*innen. Die EWG erstellt Forschungen und veröffentlicht unabhängige Studien und Analysen über die globale Energieentwicklung. Ziel der EWG ist es, der Energiepolitik objektive Informationen zu verschaffen.

Über die LUT University

Die finnische LUT University ist auf Technologie und Wirtschaft spezialisiert. Die Stärken der LUT University sind die Bereiche Energie, Forstindustrie und Metallcluster, Elektrotechnik, Wirtschaft und Expertise in Zusammenarbeit mit Russland. Bei 900 Mitarbeitern an der Universität studieren in den verschiedenen Studiengängen rund 5.000 Studenten und 500 Doktoranden. LUT ist die größte Energieforschungs- und Bildungsorganisation in Finnland. Die LUT School of Energy Systems beschäftigt über 300 Fachkräfte, die unter der Leitung von 30 Professoren in Forschung und Lehre im Bereich Energie arbeiten. Weitere Informationen finden Sie unter www.lut.fi.

Berlin, den 20. März, 2018. Bei seinem Staatsbesuch in Indien vereinbarte Frankreichs Präsident Macron mit Indiens Regierungschef Narendra Modi letzte Woche den Verkauf von sechs französischen EPR-Reaktoren für das größte Atomkraftwerk, geplant in Jaitapur. Unbeachtet bleibt, dass Indien bisher den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben hat. Das Plutonium aus den Reaktoren könnte vollständig, ohne internationale Kontrolle, für den Bau von Atomwaffen eingesetzt werden. Auch energiewirtschaftlich sind alle EPR- Bauprojekte der letzten Jahre hochproblematisch.

Der “European Pressurized Reactor” (EPR), ein Druckwasserreaktor der in den 1990er Jahren als der Anstoß zur Renaissance der europäischen Atomwirtschaft galt, erweist sich als finanzielles und technisches Desaster. Ein neuer Bericht der Energy Watch Group zeigt, dass die von der Nuklearindustrie versprochenen wirtschaftlichen und energetischen Gewinne bei Weitem nicht realisiert wurden.

Die nach wie vor unvollendeten EPR-Reaktorbauten in Flamanville (Frankreich), Olkiluoto (Finnland) und Hinkley Point C (Großbritannien) stehen exemplarisch für die Verfehlungen der Atomindustrie. Jahrelange Verzögerungen der Inbetriebnahmen, gravierende Sicherheitsmängel sowie explodierende Baukosten in Milliardenhöhe sind wiederkehrende Merkmale aller bisherigen EPR-Bauprojekte.

Nur durch milliardenschwere staatliche Rettungspakete konnte der Weiterbau bisher sichergestellt werden. In Folge dessen erhöht sich der Druck und das Risiko für einen Bankrott vor allem für die französischen Atomkonzerne AREVA und EDF. Eine Entwicklung, deren Auswirkungen man bereits beim US-japanischen Atomunternehmen Westinghouse beobachten konnte.

Die Versprechen von “inhärent sicheren” EPR-Reaktoren haben sich nicht bewahrheitet, vielmehr wandelte sich die Technologie zu einer enormen Last für europäische Steuerzahler. Es ist höchste Zeit die Atomenergie zu einem Ende kommen zu lassen, sowohl durch einen wirksamen Ausstieg aus laufenden Projekten, als auch durch die Verweigerung von neuen Investitionen.”, äußerte sich Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group und Co-Autor der Übersichtsstudie. “Erneuerbare Energien sind die sicherste und kostengünstigste Lösung heutzutage. Das Festhalten an Nuklearen Energieträgern entbehrt jeglicher rationaler Argumentation.”

“Die Sicherheitsrisiken des alternden europäischen Atomkraftwerksparks wachsen stetig. Die neue Generation der EPR-Reaktoren erhöht sogar noch die Bedrohung für die Sicherheit und Finanzen der Bevölkerung. Die nukleare Dreieckbeziehung “Fessenheim-Flamanville-Hinkley Point” demonstriert eindrücklich die verheerende Verflechtung aus bestehenden und neuen Mängeln.” So Eva Stegen, Co-Autorin der Informationsschrift und Energiereferentin der genossenschaftlichen Elektrizitätswerke Schönau (EWS).

Die Veröffentlichung der Energy Watch Group “Das Desaster der europäischen Atomwirtschaft” dokumentiert die fatalen Entwicklungen der EPR-Bauprojekte unter den Augen der Europäischen Union.

  • Bisher lässt die Fertigstellung der EPR-Bauprojekte in der EU auf sich warten. So verschob sich die prognostizierte Inbetriebnahme des Hinkley Point C (GB) zu Weihnachten 2017 zuletzt auf 2027. Gleichsam rückte der Termin für Flamanville bereits von 2012 auf 2020. Das finnische AKW Oulkilouto liegt inzwischen 12 Jahre hinter dem geplanten Beginn der Energieproduktion.
  • Massive Kostenüberschreitungen kennzeichnen die EPR-Projekte. Die ursprünglichen Kosten haben sich von jeweils 3 Mrd. Euro auf ca. 10,5 Mrd. Euro bei Flamanville und 8,5 Mrd. Euro bei Olkiluoto, mehr als verdreifacht.
  • Mittlerweile haben sich Schulden in Höhe von 61 Mrd. Euro bei EDF sowie bei AREVA eine Summe von 10 Mrd. Euro angesammelt. Der französische Staat musste AREVA mit 4,5 Mrd. Euro subventionieren. EDF konnte nur noch durch 3 Mrd. Euro Kapitalerhöhung gerettet werden.
  • Im Februar 2013 wurde bekannt, dass die nukleare Reinigung des Atomstandortes Sellafield bis zu diesem Zeitpunkt bereits fast 70 Mrd. Pfund gekostet hatte. Jedes Jahr kommen etwa 1,6 Mrd. Pfund dazu.
  • Die britische Regierung hält am Bau des neuen EPR-Atomreaktors Hinkley Point C fest, obwohl eine nicht veröffentlichte Regierungsstudie belegt, dass Wind- und Solarstrom im Vergleich zu dem geplanten AKW Hinkley Point C um die Hälfte günstigeren Strom erzeugen würden
  • Die treibende Kraft hinter der regierungsseitigen Affinität zur Atomtechnologie ist in der Quersubventionierung des militärischen Atomprogramms zu suchen. Die Wissenschaftler Emily Cox, Phil Johnstone und Andrew Stirling (SPRU, Universität Sussex) haben in einer umfassenden Studie detailliert nachgewiesen, was von militärischer Seite offen kommuniziert, von der Energiepolitik jedoch vehement geleugnet wird: die Aufrechterhaltung des zivilen Atomprogramms entlastet den Verteidigungshaushalt.
  • Von der durch die Atomindustrie beschworenen “inhärenten Sicherheit” sind die EPR-Projekte weit entfernt. Die entstandenen technischen Problematiken der EPR sind inzwischen irreversibel. Durch schwere Mängel in Boden und Deckel des Reaktordruckbehälters in Flamanville kann ein sicherer Betrieb nicht gewährleistet werden. EU-weite Forschungsprojekte zur vierten Generation von Atomreaktoren sind ein indirektes Eingeständnis für die fehlende inhärente Sicherheit von Atomreaktoren, einschließlich der EPR.
  • Die Wahrscheinlichkeit für Terroranschläge und Cyber-Angriffe auf Atomkraftwerke wächst zunehmend. Im Atomkraftwerk Hinkley Point C ist die gesamte Reaktorsicherheit über ein digitales Kontrollsystem geregelt. Dies führt nicht nur zu einer hohen Fehleranfälligkeit, sondern macht das System auch extrem empfänglich für digitale Angriffe.
  • Erneuerbare-Energien-Technologien sind wesentlich günstiger, schneller zu installieren und fähig unschädliche und sichere Energie zu liefern. Eine unlängst veröffentlichte Studie der Energy Watch Group und Lappeenranta University of Technologie belegt nachdrücklich, dass erneuerbare Energien zusammen mit Speichersystemen die völlige Versorgungssicherheit auch ohne Grundlast schaffen können und das zu wettbewerbsfähigen Kosten.

 

Den vollständigen Bericht finden Sie hier auf deutsch, english, français.

Presse Kontakt: Charlotte Hornung, Energy Watch Group, Tel: +49 30 609 898 810, office©energywatchgroup.org

Über die Energy Watch Group

Die Energy Watch Group (EWG) ist ein unabhängiges, gemeinnütziges globales Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern. Die EWG erstellt Forschungen und unabhängige Studien und Analysen über globale Energieentwicklung.